Geschlossene Gesellschaft

19. Februar — 14. März 2021

 

Beteiligte Kunstschaffende: Zuzanna Boltryk & Lukas Hellmann, Flo Kaufmann, Simon Kübli, Yves Lavoyer & Sabrina Christ, Kevin Marti, Franco Müller

 

Virtueller Rundgang     Medienmitteilung     Saaltexte

 

Da das Künstlerhaus S11 aufgrund der behördlichen Massnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Krise noch auf absehbare Zeit geschlossen bleiben muss, nutzen die Kunstschaffenden des Teams und dem Haus nahestehende weitere Künstler*innen die Gelegenheit, eigene Werke zu präsentieren, die während dem Lockdown entstanden sind. Die Werke werden wie in einer realen Ausstellung im Haus eingerichtet, sind aber nur virtuell zugänglich, sprich über eine Foto- und Videodokumentation, die auf den digitalen Kanälen des Hauses verbreitet wird. Die filmische Dokumentation (siehe untenstehend unter Einzelprojekte) ist kommentiert und mit Musik und Geräuschen aus dem Haus unterlegt. So soll dem Publikum auch von zu Hause aus eine Begegnung mit Kunst im Künstlerhaus möglich gemacht werden. Bei Bedarf kann man sich für Einzelführungen anmelden.

 

 

web Geschlossene Gesellschaft 2022

 

 

 

 

 

 

web geschlossenegesellschaft 2

 

 

Vorstellung der Einzelprojekte:

 

Sabrina Christ und Yves Lavoyer haben die Zeit des zweiten Lockdowns für die Renovation des Künstlerhauses genutzt. Viele löchrige Stellen und Risse wurden frisch verputzt und dem gesamten Haus malerisch ein neues weisses Gewand gegeben. Dabei wurde das Handwerkliche immer wieder zum künstlerisch Spielerischen und die Grenzen zwischen Beidem mehr und mehr verwischt. An einigen Stellen haben Leerstellen die Funktion von Fragezeichen übernommen. Ist das noch Renovation oder ist das schon Kunst? Fundstücke, Reste und Spuren rückten in den Fokus. Die beiden haben für ihre Installation nur mit dem Material gearbeitet, dass vor Ort vorhanden war und dass sie mehrheitlich für ihre Ausbesserungsarbeiten gebraucht haben. Entstanden sind im eigentlichen Sinn „Re-Innovationen“. Während der Arbeiten haben beide analog fotografiert und stellen diese nur laienhaft entwickelten Fotos in ihrer Unvollkommenheit aus. Sie sind auf einer Wäscheleine aufgereiht, die ohne einen Nagel auskommt, den sie in die neugestrichenen Wände hätten schlagen müssen. Hierbei kommt auch das Spiel mit dem Gleichgewicht und der austarierten Komposition zum Zuge und zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Entdeckung von Neuem im Künstlerhaus und verweist auf Selbstbefragungen.

 

Film

 

Simon Kübli arbeitet gerne mit Fundgegenständen oder einfachen Materialien aus dem Baumarkt. So handelt es sich bei den drei grossen Bildträgern im 1. Stock der Ausstellung um ehemalige Bauplanen, die er aus der Schuttmulde gerettet und auf menschliches Mass zugeschnitten hat. Diese sind mit schwarzer und grüner Lackfarbe auf der Rückseite bemalt und evozieren den Eindruck von Hinterglasmalerei. Sie bilden wie eine Haut, die zwischen dem Betrachter und der Malerei zu wessen Schutz gespannt ist? Durch ihre Mehrschichtigkeit und die unruhige Oberfläche ergeben sich im Licht gewisse Schatten- und Spiegeleffekte, die sich auch auf der dahinterliegenden Wand niederschlagen. Ihr Titel „subjects“ spielt mit dem eigentlich verwirrenden Verhältnis zwischen dem Betrachter als Subjekt und dem Werk als Objekt und hinterfragt diese Beziehung. Die filigranen und in der konkreten Kunst wurzelnden Holz- und Kartonobjekte verstehen sich als Kontrapunkte zur gestisch-bewegten Malerei. Sie greifen mit ihrer geometrischen Ausgestaltung und ihrer ausgewogenen Balance in den Raum ein und stellen ihre Struktur zur Diskussion. Der Wellkarton ist wiederum mit Lackfarbe bestrichen, deren Glanz die Materialität zurücknimmt. Das Gleichgewicht und die Orientierung im Raum nicht zu verlieren, ist auch in der Zeit des Lockdowns eine wichtige Aufgabe.

 

Film

 

Zuzanna Boltryk nimmt uns mit ihren digitalen Collagen und Malereien auf eine Reise mit, durch ein Universum aus Musik, schrillen Farben und betörend schönen Momenten der geglückten Landung auf fremden Planeten. Das Ganze ist auch wie eine Zeitreise, die zum einen zurück führt, ca. 100 Jahre in die Vergangenheit, als Max Ernst mit seinen Collagen das erzählerische Potential dieses Mediums auslotete und zum anderen in die Zukunft, in der ihre mit digitalen Fundstücken neu zusammengesetzten Geschichten angesiedelt zu sein scheinen. Wie ein Ausserirdischer würde sich Max Ernst wohl vorkommen, wenn er unsere heutige Welt mit Masken, Abstand halten und ausgesetzter Kunst und Kultur sehen würde. In der Ausstellung kann man auch eine kurze Science-Fiction Erzählung von Zuzanna Boltryk lesen. Darin findet sich folgende Beschreibung:

 

„Nola ist fasziniert von Reisen ins Unbekannte, das war schon immer ihr

Lieblingszeitvertreib. Seit ihren Anfangszeiten gab es ihr ein Gefühl von Freiheit und

Sinn. Am liebsten findet sie Sterne und Planeten, welche man hören, riechen und

sogar berühren kann. Sie berüht sie mit ihrem Herzen. Nola kann fühlen, was der

Planet fühlt und manchmal, wenn sie sich wirklich öffnet, wird sie für einige

Augenblicke sogar eins mit dem Planeten. Sie liebt es, den Sternen und Planeten

beim Sprechen zuzuhören.“

aus „Nola - wie wird man menschlich?“

 

Film

 

Kevin Marti verarbeitet in und mit seinen Bildern eine Depression, an der er in der ersten Phase des Lockdowns litt. Diese schwere Zeit hat ihn jedoch gestärkt und seine Sicht auf die Dinge geändert. Er bringt seine Bilder mit Meditation in Verbindung, denn das Gefühl von Freiheit und Ausgewogenheit, gibt ihm nur die Malerei. Beim Malen lässt er den hektischen Alltag hinter sich und lässt die Gedanken und Erlebnisse an sich vorbeiziehen, so dass sich sein Fokus einzig und allein auf die Leinwand und das entstehende Bild richtet. In seinen Werken befasst er sich mit komplementären Farbkombinationen und grafischen Elementen, die er in der Form von rätselhaften Tags auf den Bildträger in schwungvollen Bewegungen aufbringt. Zum Teil geschieht dies mit dem Pinsel und einem expressiv malerischem Duktus, z.T. mit dem Spachtel. So entstehen Farbbahnen, die mit kleinen Verschiebungen den Hintergrund für seine Tags bilden. Symmetrische Anordnungen wechseln mit intuitiv geführten Bewegungsabläufen. Der Betrachter findet sich in einem abstrakten Raum wieder, in dem sich dynamische Beziehungen der vermischten Farben und Zeichen in einer ausgeglichenen Balance darstellen. Kevin Marti möchte den Betrachtern seiner Bilder eine positive, warme und liebevolle Energie vermitteln.

 

Film

 

Der Künstler, Sammler und Bricoleur Flo Kaufmann findet im Hoch der ersten Corona-Welle 2020 und ihrer allgemein erzeugten Aufräumsucht im Stadtraum von Luzern einen an den Strassenrand gestellten alten Röhrenbildschirm. Die Müllabfuhr hat ihn jedoch nicht etwa ordnungsgemäss entsorgt, sondern ihm zu Belehrungszwecken ein gelbes Etikett aufgedrückt, mit dem Hinweis: falsches Material. Flo Kaufmann als Liebhaber alter elektronischer Geräte nimmt das Teil mit und führt daheim einen Funktionstest durch. Dieser offenbart, dass der Monitor die Fähigkeit verloren hatte, Bilder darzustellen, lediglich Hell und Dunkel konnten noch angezeigt werden. Für die Ausstellung hat er diese Fähigkeit so programmiert, dass der Bildschirm durch drei mal kurzes, drei mal langes und wieder drei mal kurzes Blinken das altbekannte Morse-Zeichen für S.O.S. abbildet. Safe our Souls, das seit 1906 gültige internationale Notsignal. Zusammen mit dem über den Bildschirm geklebten und wie eine Schutzmaske wirkenden Aufkleber wirkt diese Installation wie ein vergeblicher Hilferuf aus einer „geschlossenen Gesellschaft“.

 

Film

 

Franco Müller, der eigentliche Kopf hinter der Ausstellung, und auch schon treibende Kraft hinter den virtuellen Initiativen während des ersten Lockdowns, hat die Gelegenheit der Schliessung des Künstlerhauses dazu benutzt, das leerstehende Haus neu kennenzulernen und entdeckte viele überraschende Details, die er auf ganz eigene Weise hervorgehoben hat. So unter anderem die sprechenden Astlöcher in der Holzwand im 3. Stock, denen er durch passend ausgeschnittene Silhouetten ungeahnte figürliche Zusammenhänge vermittelt. Sie sind nun Augen von Tauchern, von Menschen mit Masken oder Stockmenschen. Oder eine übrig gebliebene Beschriftungsnummer einer vorhergehenden Ausstellung, die den Helm eines Feuerwehrmanns ziert. In weiteren schwarz-weissen Papierschnitten zeigt er Drohnen oder Flugzeuge, die ovale Objekte am Boden überwachen oder sind es sogar abgeworfene Bomben, die die Bilder aufgesprengt haben und deren spiegelverkehrte Überreste sich nun aus dem Bild gefallen am Boden befinden? Oder wir sehen das berühmt gewordene Symbol des ersten Lockdowns, die Klopapierrolle an der Wand und am Boden. Aspecte des Lockdowns, wie Bedrohung, Überwachung, Angst und Entfremdung gehören zu den Assoziationen, die sich einem unweigerlich bei der Betrachtung einstellen.

 

Film

 

Franco Müller hat auch zu jedem Beitrag in dieser Ausstellung einen kleinen, aber aufwendig inszenierten Film gedreht und mit Musik von Luki Hellmann, sowie dem berühmt berüchtigten Knarren der Künstlerhaustreppe vertont. So kann das geschätzte Publikum sich auch unter den geltenden Corona-Massnahmen durch das Haus bewegen und die verschiedenen Aspekte der Ausstellung vom heimischen Sofa aus geniessen. Viel Spass dabei wünscht das Team vom S11!